Dass Impfungen keinen 100-prozentigen Schutz vor Erkrankung bieten, ist bekannt: Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht bei Grippeimpfungen je nach Saison von einem mittleren Impfschutz von 20 % bis 60 % aus.1 Beim Grippevirus hängt viel von der Zusammensetzung des Impfstoffs ab. Bei anderen Impfungen ist die Lage besser. Beispielsweise bietet die Impfung gegen Hepatitis B laut Impfstoffhersteller einen 85 %-igen bis 95 %-igen Schutz. Schön wäre es, das Ansprechen auf eine Grippe-Impfung zu optimieren. Ein wichtiger Tipp: Ausreichend Schlaf kann den Impferfolg verbessern.
Schlaf reguliert die Impfantwort
Wie deutsche Wissenschaftler:innen aus Lüneburg, München und Tübingen herausgefunden haben, werden die T-Zellen der adaptiven Immunabwehr im Schlaf in die Lymphknoten gelockt.2 Als Lockstoff dient das Chemokin CCL191. Durch das Anlocken der T-Zellen wird eine Immunantwort initiiert und aufrechterhalten. An der Regulation scheinen das Wachstumshormon und Prolaktin beteiligt zu sein. Beide Hormone werden ebenfalls im Schlaf ausgeschüttet. Wie sich zeigte, können acht Stunden Schlaf im Vergleich zu einer Nacht ohne Schlaf daher die Immunantwort verbessern.2
Ergebnisse aus dem Schlaflabor
Erhoben wurden die Daten bei 14 gesunden Männern und Frauen. Sie wurden zweimal im Abstand von etwa vier Wochen in ein Schlaflabor einbestellt und schliefen dort entweder acht Stunden oder wurden wachgehalten. Während der Aufenthalte im Schlaflabor wurden zu bestimmten Zeitpunkten Blutproben entnommen, um dort die Hormonspiegel und immunrelevante Parameter zu bestimmen.
Schlaf reduzierte die Anzahl zirkulierender T-Zell-Subpopulationen im Blut
Diese Beobachtung führte zur Vermutung, dass Schlaf die Umverteilung und Wanderung von T-Zellen zu den Lymphknoten fördert, wo dann spezifische Immunreaktionen eingeleitet werden. Es wurde auch vermutet, dass eine Nacht Schlaf nach einer Impfung für eine gute Impfantwort nicht ausreicht, wenn in den Nächten zuvor nicht ausreichend geschlafen wurde.
Hepatitis A: Verdoppelung der Immunantwort möglich
Ob diese Vermutung stimmt, muss sich noch zeigen, denn zurückliegende Studien deuteten anderes an: Im Vergleich zu nächtlichem Wachbleiben konnte eine Nacht guten Schlafs die Immunantwort auf eine Impfung gegen Hepatitis A verdoppeln und zu einem langfristigen Impferfolg führen.3,4 Zu diesem Punkt könnten weitere Untersuchungen sicher mehr Aufschluss geben.
Zur Rolle von Wachstumshormon und Prolaktin
Sehr spannend scheinen auch die Ergebnisse zur Rolle von Wachstumshormon und Prolaktin zu sein.2 Die Autor:innen der Schlaflabor-Studie konnten zeigen, dass die CCL19-vermittelte T-Zell-Wanderung von diesen beiden im Schlaf ausgeschütteten Hormonen abhängig ist. Das ist eine wichtige Botschaft nicht nur für diejenigen, die gerne kurz schlafen, sondern gerade für die Menschen, die aufgrund von Schlafstörungen nicht ausreichend Schlaf bekommen. Es wurde diskutiert, ob Wachstumshormon und Prolaktin als Adjuvanzien zur Förderung der Immunantwort nach einer Impfung eingesetzt werden könnten. Insbesondere bei älteren Menschen, die typischerweise einen verminderten Spiegel dieser Hormone aufweisen und unter Schlafstörungen leiden, könnte dies ein guter Plan sein.
Tipps für die Praxis
Raten Sie gerade Ihren älteren Patientinnen und Patienten, nach einer Impfung an ausreichend Schlaf zu denken. Er fördert die Immunantwort, indem die adaptive Immunabwehr angelockt wird. Die Immunzellen reifen dann in den Lymphknoten.
[1] Robert-Koch-Institut 2025. Abrufbar unter: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste_gesamt.html, zuletzt abgerufen am: 29.07.2025
[2] Martinéz-Albert, E et al. Sleep promotes T-cell migration towards CCL19 via growth hormone and prolactin signaling in humans. Brain Behavior and Immunity 2024; 118:69–77
[3] Lange, T et al. Sleep enhances the human antibody response to hepatitis A vaccination. Psychosom Med 2003; 65(5):831–835
[4] Lange, T et al. Sleep after vaccination boosts immunological memory. J Immunol 2011; 187(1):283–290
